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Wir wollen einfach nicht zum
Arzt!
Millionen Männer leiden an Alterskrankheiten. Oft haben sie
eine vergrößerte Prostata oder zu niedrige Werte beim
Testosteron. Die Lust auf Sex sinkt auf den Nullpunkt. Viele
scheuen den Gang zum Arzt, doch der kann fast immer
helfen.
Frauen sprechen ganz zwanglos über ihre Wechseljahre. Über den
Verlust der Lust und Hitzewallungen plaudern sie bei Tee oder
Kaffee. Peinlich ist ihnen das nicht. Unter Männern sind
dagegen körperliche Probleme mit dem Älterwerden tabu. Klar
doch, Mann ist immer fit. So hat es den Anschein. Dabei
verlieren auch Männer mit zunehmendem Alter ihre jugendliche
Manneskraft.
Die Ärzte sprechen vom partiellen Androgendefizit, kurz: Padam.
Dieser Hormonmangel ereilt in der Regel Ältere, unterscheidet
sich aber dennoch von den Wechseljahren der Frau. Während
Frauen an der Menopause nicht vorbeikommen, verhält sich das
Männerhormon Testosteron von Mann zu Mann verschieden. Ein
Viertel der über 65-Jährigen hält problemlos mit der jungen
Generation mit und hat genauso viel Testosteron im Blut. Rund
einem Fünftel der Männer mangelt es jedoch an dem Hormon.
Infolgedessen sind sie matt, haben trockene Haut und können
unter Depressionen leiden. Ihre Muskeln schwinden. Die Lust auf
Sex sinkt auf den Nullpunkt.
"Gerade mit einer sexuellen Störung kommen Männer überhaupt
nicht klar, weil sie nicht ins männliche Selbstbild passt",
analysiert Ulrich Wetterauer, Urologe von der
Universitätsklinik in Freiburg. Die meisten Betroffenen ziehen
sich zurück, anstatt zum Arzt zu gehen. Den typischen Patienten
beschreibt er so: "Er ist älter als 50 Jahre, trägt einen
Rettungsring am Bauch, klagt über Potenzprobleme und
Antriebslosigkeit." Im gleichen Atemzug ermutigt er: "Diesem
Mann kann geholfen werden." Wetterauer legt den männlichen
Patienten ans Herz, die Ernährung auf eine abwechslungsreiche
Kost umzustellen. Statt abends auf dem Sofa zu liegen, sollten
sie Ausdauer- und Kraftsport treiben, um so wieder Körper und
Liebesleben in Schwung zu bringen. Bei der Bewegung wird das
Hormon Testosteron gebildet, das mehr Männlichkeit verleiht:
"Auch der unansehnlichen Figur des älteren Mannes mit dickem
Bauch und dünnen Armen wird damit entgegengewirkt", so Ulrich
Wetterauer.
Bei etwa zehn Prozent der Männer reicht Sport alleine
allerdings nicht aus, um die Beschwerden im Alter zu lindern.
Ihr Testosteronwert ist im Laufe der Jahre unter den
Durchschnittswert gerutscht. Nur ein Medikament kann den
Hormonspiegel wieder zurechtrücken. Dafür wird der Wirkstoff
mit einem Gel auf dem Oberkörper verteilt. Über die Haut dringt
das Testosteron binnen kurzer Zeit in den Körper.
"Diese Präparate werden gerne genommen, weil sie bequem
anzuwenden sind", sagt Eberhard Nieschlag, Androloge des
Instituts für Reproduktionsmedizin des Uni-Klinikums in
Münster. Die Lust auf Liebe soll nach dem Auftragen des Gels
wieder aufleben und die Muskelkraft besonders in den Beinen
zurückkehren. Seinen Erfahrungen nach hebt sich auch die
Stimmung der Männer, leichte Depressionen verschwinden. Eine
ähnliche Wirkung entfalten auch Testosterontabletten. Eine neue
Variante besteht aus einer Langzeitkapsel, die zwischen Lippe
und Schneidezahn auf das Zahnfleisch geheftet wird. Sie gibt
über Wochen kontinuierlich das Hormon ab.
"Ob Tablette oder Gel - der Mann sollte auf jeden Fall nach
zwei bis drei Jahren diese Medikamente einmal absetzen. Die
Funktion des Hodens erholt sich manchmal nämlich von alleine.
Dann benötigt er kein Testosteron mehr", rät Nieschlag.
Die Testosterontherapie birgt jedoch auch Risiken. Im Voraus
muss ausgeschlossen werden, dass kein Tumor in der Prostata
sitzt, da dieser, angestachelt durch das Hormon, besonders
rasch wachsen würde. Auch wenn kein Geschwür gefunden wird,
kann das Testosteron einen "schlafenden Tumor wecken",
beschreibt Eberhard Nieschlag. Daher muss jeder, der
Testosteron einnimmt, im ersten Jahr alle drei Monate zum Arzt
gehen, um seinen Spiegel an prostataspezifischem Antigen, den
sogenannten PSA-Wert, im Blut messen zu lassen. Dieser
Eiweißstoff kann verraten, ob sich eine bösartige Wucherung
anbahnt.
Daneben kann das Testosteron auch die Zahl der roten
Blutkörperchen ansteigen lassen: Das Blut wird dicker. Dadurch
erhöht sich das Risiko für Schlaganfälle und Thrombosen. "Bei
modernen Präparaten ist diese Gefahr allerdings geringer als
früher. Dennoch sollte sicherheitshalber das Blutbild einmal
jährlich vom Arzt überprüft werden", so Nieschlag. Überhaupt
dürfe das Hormon nur verordnet werden, wenn der
Testosteronspiegel im Blut tatsächlich zu niedrig liegt.
Weitaus gefährlicher und unangenehmer als ein Testosteronmangel
ist für den älter werdenden Mann eine bösartige Wucherung in
der Prostata. Der Krebs in der kastaniengroßen Vorsteherdrüse
ist der häufigste Tumor beim Mann. Jedes Jahr erkranken 50 000
Männer neu daran, schätzt das Robert-Koch-Institut. Je älter,
desto größer das Risiko: "Ab dem Alter von 70 Jahren schnellt
die Zahl der Krebsfälle exorbitant in die Höhe", erläutert der
Sozialmediziner Bernhard Schwarz von der Universität Wien.
Umso wichtiger ist es, dass Männer regelmäßig zur jährlichen
Vorsorgeuntersuchung gehen. Diese wird ab dem 45. Lebensjahr
von den Krankenkassen bezahlt. Der Arzt tastet die Prostata ab
und misst den PSA-Wert im Blut. Dieser schwankt von Mann zu
Mann auf natürliche Weise erheblich, sodass der absolute Wert
zwar wenig aussagt. Aber wenn der PSA-Gehalt jedes Jahr aufs
Neue ermittelt und mit früheren Daten verglichen wird, ist ein
plötzlicher Anstieg ein Alarmsignal.
Nur in wenigen Fällen verbirgt sich hinter einem steigenden
PSA-Wert tatsächlich Krebs. Viel häufiger ist die Prostata nur
von einer gutartigen Wucherung durchzogen. Sie ereilt 50
Prozent der über 60-jährigen und 90 Prozent der über
80-jährigen Männer. Auch wenn das Geschwür gutartig ist, kann
es das Leben zur Qual machen, indem es die Harnröhre zudrückt.
"Manche Patienten müssen fünfmal in der Nacht aufstehen zum
Wasserlassen. Das ist sehr lästig", sagt Wetterauer.
"In diesen Fällen kann es sinnvoll sein, wenn die Prostata in
einer Operation entfernt wird." Danach kommt es zwar
vorübergehend zur Inkontinenz, weil einzelne Muskelfasern
durchtrennt werden. Aber eben nur vorübergehend, bis die
übrigen Muskeln den Job der zerstörten Fasern übernommen haben.
Als Alternative zur Operation bieten beispielsweise die
Heidelberger Klinik für Prostatatherapie oder das
Prostatalaserzentrum Frankfurt/Main eine spezielle
Laserbehandlung an. Mit einem Lichtskalpell wird das Gewebe der
Drüse punktgenau verdampft. Das Verfahren ist unblutig,
Inkontinenz und Impotenz treten nicht auf.
Ob gut- oder bösartig, generell sprießen die Wucherungen in der
Prostata nur sehr langsam. "Ein bösartiges Geschwür muss
trotzdem zumindest beobachtet werden. Meist geht die Rechnung
nicht auf, wenn auf eine Therapie verzichtet wird", bedauert
Wetterauer. Mit Voranschreiten der Erkrankung leidet die
Lebensqualität mehr und mehr. Der Gang zur Toilette bestimmt
oft den Tagesablauf.
Auch bösartige Prostatawucherungen können jedoch, sofern sie
rechtzeitig bemerkt werden, in den meisten Fällen geheilt
werden. Das Geschwür darf noch keine Metastasen gebildet und
andere Organe befallen haben.
An einigen Prostatazentren wird auch die sogenannte
Brachytherapie angeboten. Über Nadeln werden hierbei kleine
radioaktive Partikel in das Innere der Prostata geschickt, die
den Tumor von innen bestrahlen. Das Kölner Institut für
Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen empfiehlt
diese Therapie in einem jüngst vorgelegten Bericht jedoch
nicht: Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die
Behandlung Nachteile hat.
So bleibt den Patienten im Wesentlichen die Wahl zwischen
Strahlentherapie, Laser und Operation. Einige
Prostatakrebspatienten schrecken vor dem chirurgischen Eingriff
zurück, weil dabei Nerven durchtrennt werden und ein Drittel
der Patienten dadurch keine Erektion mehr bekommt. Das sei kein
Grund, die Operation auszuschlagen, findet Wetterauer.
Gefäßerweiternde Medikamente wie Viagra, Cialis oder Levitra
würden bei der operationsbedingten Impotenz helfen, wenn sie
direkt gespritzt werden.
"Wenn das nichts bringt, ist das kein Grund zur Resignation. Es
gibt seit Längerem hydraulische Schwellkörperimplantate, die
gut funktionieren, aber vor lauter Potenzpillen in
Vergessenheit geraten sind", sagt Wetterauer. Was sehr
technisch klingt, fühlt sich in Wahrheit für Mann und Frau
nicht anders an als eine natürliche Erektion. Das
Schwellkörperimplantat ist eine winzige Pumpe, die, von außen
unsichtbar, in den Hodensack eingesetzt wird. "Das ist ein
kleiner Routineeingriff, der unter Narkose durchgeführt wird",
so der Arzt. Das Implantat kann auf Knopfdruck zu neuem Glück
im Liebesleben verhelfen.
Die Ärzte lassen keinen Zweifel daran, dass dank moderner
Medizin wohl fast jeder Mann im Alter neue Lebenslust erlangen
kann. Dabei brauchten Männer oft weder Tabletten noch
Therapien, wenn sie nicht zeitlebens nachlässig gelebt hätten.
"Die Vorbeugung der Altersbeschwerden beginnt in jungen Jahren.
Es bringt nichts, die guten Vorsätze für mehr Bewegung, weniger
fettiges Essen, Alkohol und Zigaretten immer auf später zu
vertagen", so der Sozialmediziner Bernhard Schwarz.
Während Frauen regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen,
schaffen das nur 18 Prozent der Männer. Deshalb werden seit
zwei Jahren in Deutschland gezielt Männerärzte ausgebildet.
Ende des Jahres soll es bundesweit etwa 500 sogenannte
Andrologen geben. Bei diesem Experten kann Mann alle Sorgen
über die angeknackste Männlichkeit abladen, auch wenn er
Freunden gegenüber nie ein Wort darüber verlieren
würde.
by Welt - 29.04.2007
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Source:
http://www.welt.de/wissenschaft/article809010/Wir_wollen_einfach_nicht_zum_Arzt.html
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