|
Viagra wird 10 Jahre alt
Eigentlich waren die Forscher nur auf der Suche nach
einem neuen Medikament, das den Blutfluss zum Herzen verbessern
sollte. Worauf man in den Labors des US-Pharmariesen Pfizer in
den 80er Jahren dann aber stieß, sollte einer Revolution
gleichkommen und Millionen von Männern mit Potenzschwäche zu
neuem Selbstbewusstsein verhelfen.
Vom
Zufallsprodukt zum Senkrechtstarter: Vor zehn Jahren, am 27.
März 1998, gaben die US-Behörden Grünes Licht für Viagra, ein
halbes Jahr später wurde die kleine blaue Pille auch in der
Europäischen Union zugelassen.
Das Potenzmittel gilt inzwischen
als das weltweit bekannteste Medikament und zugleich als eines
der ertragreichsten. Schon während des ersten Monats nach
Markteinführung wurde sie 500 000 Mal verschrieben. In Asien
zahlten Männer Medienberichten zufolge bis zu 100 Dollar pro
Pille, noch bevor sie überhaupt offiziell im Handel war. Allein
im vergangenen Jahr brachte Viagra ihrem Hersteller 1,7
Milliarden US-Dollar (1,1 Milliarden Euro) ein. Schätzungsweise
30 Millionen bekamen es bislang auf Rezept, Millionen weitere
über andere Kanäle.
Tausende Ehen soll das Mittel zur
Stärkung der Manneskraft gerettet haben - und mindestens ebenso
viele zerstört. Unlängst wurde der Pille auch die Rettung eines
an Lungenentzündung erkrankten Jungen zugeschrieben. Berichten
zufolge bewahrt Viagra Schnittblumen vor dem Verblühen und
lässt Hamster einen Jetlag besser verkraften.
Die US-Nachkriegsgeneration
schätzt die Erfindung der ovalen Tablette ebenso wie vor 30
Jahren die Einführung der Anti-Baby-Pille, fand die
amerikanische Seniorenlobby AARP in einer Studie heraus. „Die
Baby-Boom-Generation schafft eine zweite sexuelle Revolution -
eine, die die Denkweise über das Älterwerden und Sex
verändert“, befindet die einflussreiche Organisation. „In ihrem
Zentrum steht die Feststellung, dass alters- und
gesundheitsbedingte Probleme behandelt und bewältigt werden
sollten, statt sie einfach zu akzeptieren.“
Freilich gibt es auch
unerwünschte Nebenwirkungen. Nicht nur, dass zwielichtige
Viagra-Angebote weltweit Eingangspostfächer von E-Mails
verstopfen. Was neuen Schwung in alte Ehen bringen soll, kann
auch in Stress ausarten. „Ich bin 62 Jahre alt und Mutter von
sechs erwachsenen Kindern, und ich war so froh, als mein 64
Jahre alter Mann es vor zwei Jahren mal etwas langsamer angehen
ließ“, schrieb eine Ehefrau an eine prominente amerikanische
Kummerkastentante. „Und was passiert? Eine Pille namens Viagra
wird erfunden und der alte Kerl ist wieder voll dabei. Ich
liebe meinen Mann, aber ich denke, ich habe auch mal meine Ruhe
verdient.“ Außerdem - jede Pille koste zehn Dollar. „Und letzte
Woche hatte er vier davon.“
“Ältere Männer werden wieder
leistungsstark, also gehen sie woandershin - auf jüngere,
saftigere Weiden“, sagte der New Yorker Scheidungsanwalt Raoul
Felder, der unlängst die Ehefrau eines 70- Jährigen vertrat,
der plötzlich auf Abwege geraten war. Unter Senioren in Florida
sollen durch Sex übertragene Krankheiten sprunghaft gestiegen
sein, seit gesetzte Herren, befeuert von der blauen Pille,
verstärkt Prostituierten nachstellen. In einer neuseeländischen
Studie warfen viele Ehefrauen den Ärzten vor, Viagra viel zu
leichtfertig zu verschreiben, statt tiefer liegenden Ursachen
für Unlust auf den Grund zu gehen oder schlicht zu akzeptieren,
dass Sex im Alter eben nicht mehr so häufig
vorkommt.
Doch viele Männer beharren steif
und fest darauf, dass Viagra ihre Beziehung rettete - wie
Richard T. Mit 56 Jahren, berichtet er, klappte es plötzlich
nicht mehr so wie er wollte. Und obwohl Richards Frau
Verständnis äußerte, fühlte er sich als Versager. „Es war eine
schreckliche Zeit“, berichtet er. „Aber eine kleine blaue Pille
löste das Problem, und ich schaue nicht mehr
zurück.“

by - Veröffentlicht am 27.03.2008 23:38 Uhr
Back
to Top
###
Source:
http://www.haz.de/newsroom/wissen/zentral/wissen/art680,557326
|